Der Arschlochfaktor von Prof. Robert I.Sutton
Dass amerikanische Autoren, auch wenn sie Philosophen oder Stanford-Professoren sind, nicht vor derben Ausdrücken in den Titeln ihrer Bücher zurückschrecken, wissen wir spätestens seit Harry G. Frankfurts „Bullshit“, in dem sprachanalytisch erklärt wird, wie so viel sinnloses Palavern in die Welt kommt.
Auch Robert I. Sutton, Management-Professor an der amerikanischen Eltite-Universität Stanford, greift… …zu starkem sprachlichem Tobak: „The No Ashole Rule“ heißt sein Buch. Der Münchner Hanser Verlag hat daraus den griffigen deutschen Titel „Der Arschloch-Faktor“ gemacht. Der Untertitel verweist darauf, worum es Sutton geht: um den „geschickten Umgang mit Aufschneidern, Intriganten und Despoten im Unternehmen“.
„Ein temporäres Arschloch ist jeder mal“
Doch Arschloch ist nicht gleich Arschloch, wie der Autor eingangs erklärt. Ein „temporäres Arschloch“ ist jeder einmal, wenn aus Ärger oder schlechter Laune heraus mit Kollegen bewusst demütigend umgegangen wird. Doch Sutton geht es um den Umgang mit „amtlichen Arschlöchern“, die über einen langen Zeitraum ihre Stellung ausnutzen, um sich über andere zu erheben. So ist es dann auch kennzeichnend für ein amtliches Arschloch, dass es im Unternehmen eine höhere Position einnimmt als diejenigen, die unter ihm zu leiden haben.
Wer hat es verdient, als Arschloch gebrandmarkt zu werden?
Eine Definition hilft Ihnen, zwischen Leuten, die einen schlechten Tag oder schlechten Moment haben („temporäre Arschlöcher“) und permanent fiesen und destruktiven Despoten („amtliche Arschlöcher“) zu differenzieren.
Die Anerkennung als amtliches Arschloch verlangt Folgendes: Die betreffende Person muss ein durchgängiges Verhaltensmuster zur Schau stellen, eine Vergangenheit mit einer Fülle von Episoden haben, an deren Ende sich ein „Ziel“ nach dem anderen herabgesetzt, kleingemacht, erniedrigt, verachtet, unterdrückt und geschwächt fühlte und sich insgesamt schlechter vorkam.
Brandmarken Sie Leute nicht voreilig!
Achten Sie darauf, Leute nicht als amtliche Arschlöcher abzustempeln, nur weil sie sich temporär wie Arschlöcher aufführen oder abweisend wirken. Manche Leute mit einer rauen Schale haben, lernt man sie erst einmal kennen, einen überraschend liebenswürdigen Kern – ich rede dann von einem Stachelschwein mit einem Herzen aus Gold.
Jemanden allein auf der Grundlage eines Einzelfalls in die Schublade „amtliches Arschloch“ zu stecken wäre ungerecht.
Schließlich gibt es auch sozial unbeholfene Menschen, die sich zum Teil – wenn auch nicht aus eigenem Antrieb – ihren Mitmenschen gegenüber so unsensibel verhalten, dass man sie manchmal für Arschlöcher halten könnte.
Zwei Tests wende ich an, um zu beurteilen, ob sich jemand wie ein Arschloch verhält.
Erster Test: Fühlt sich die „Zielperson“ nach dem Gespräch mit dem vermeintlichen Arschloch bedrückt, erniedrigt, demotiviert und herabgesetzt? Vor allem aber: Hält sie sich für einen schlechteren Menschen? Zweiter Test: Verspritzt der Fiesling sein Gift eher gegen Leute, die weniger Macht haben als er, oder vielmehr gegen Leute, die mächtiger sind? (Ist das Erstere der Fall, dann hat man es mit einem Arschloch zu tun.)
Arschlöcher greifen auf eine Vielzahl von Verhaltensweisen zurück, um ihre Opfer zu erniedrigen. Ich habe zwölf davon, sozusagen mein persönliches „dreckiges Dutzend“, zusammengestellt.
1. Persönliche Beleidigungen
2. Verletzung der Privatsphäre
3. Unaufgeforderter körperlicher Kontakt
4. Verbale und nonverbale Einschüchterungen und Drohgebärden
5. Als „sarkastische“ Witze und Hänseleien getarnte Beleidigungen
6. E-Mail-Hass-Attacken
7. Angriffe auf den Status des Opfers
8. Öffentliche Demütigungen oder auf „Statusminderung“ abzielende Rituale
9. Rüdes Unterbrechen
10. Janusköpfige Attacken
11. Bewusstes Anstarren
12. Leute wie Luft behandeln
Der Unterschied zwischen dem, wie ein Mensch jemanden mit weniger Macht behandelt, und dem, wie er jemanden mit mehr Macht behandelt, ist der beste Maßstab für seinen Charakter.
Ein tolles Buch mit hohem (Selbst?)Wiedererkennungswert.
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